schupplade

11. Frankfurter Gegen Uni: *Sexualität*

3. Mai 2010bis22. Mai 2010

3. - 22.o5.2010

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***Bitte beachtet die Aktualisierungen des Programms, last update 19.o5.***

11. frankfurter gegen_uni: sexualität
Sexualität als Thema für eine Gegenuni stand schon länger auf der ‚Agenda’ des IVI, bzw. auf Listen, Schmierzetteln, in Plenumsbüchern, etc. Durchgesetzt hatte es sich dieses Semester gegen die Anwärterinnen Architektur und Dialektik. Die Diskussion um die Herangehensweise und die Auswahl der Themen nahm im Anschluss einen ziemlich chaotischen V erlauf. An jeder Kreuzung schienen die Wegweiser verdreht und mit neuen Ortsnamen versehen. Oder es wurden ständig neue Aspekte genannt, denen wir uns zuwendeten. Diese undisziplinierte Vorgehensweise führte zu einer Veranstaltungs- zusammensetzung, gegen die vielleicht der V orwurf aufkommen könnte, dass der innere Zusammenhang fehle, dass sie rein additiv sei. Um den Entstehungsprozess nachzuzeichnen im Folgenden also kein theoretisches Konzept, sondern ein ‚Reisebericht’.
Der Anspruch zu Beginn war, nicht nur den Wissenschaftskanon zu Wort kommen zu lassen, sondern auch Frankfurter Stadtgesellschaft, Künstlerinnen, politische Gruppen (was immer das sein mag) einzuladen, etwas zum Thema öffentlich vorzustellen. Inwiefern dies gelungen ist, wird sich zeigen. Die erste Diskussion kreiste um ein vorgebrachtes Statement, Sex solle sein wie Essen, es solle die Leute genauso viel oder wenig interessieren, mit wem man wann, wo, wie Sex habe wie die Frage, was man zum Frühstück gegessen habe.
Diese Metapher wurde stark kritisiert und darauf hingewiesen, dass sie in allen anderen Hinsichten nicht zutreffe. Insbesondere führe die Gleichsetzung mit dem Essen zu einer gedanklichen Ausschließung der Möglichkeit der Asexualität. Die Diskussion endete mit der Idee, Asexualität als eine Möglichkeit der sexuellen Orientierung zum Ausgangspunkt zu nehmen.
Dem wurde jedoch nicht weiter nachgegangen. Als Textlektüre entschieden wir uns zunächst
für das kontrasexuelle Manifest (Beatriz Preciado). Vielleicht könnte für den weiteren Verlauf gesagt werden, dass wir uns eher an Praxen orientierten, an verschiedenen Sexualformen und den Diskursen darum. Dabei fiel uns auf, dass wir uns vornehmlich an devianten Praxen orientiert hatten und es doch unsere Absicht war, heteronormale Praxen zu thematisieren und zu problematisieren. Nichtsdestotrotz befassten wir uns als nächstes mit dem Thema Polyamory (Klesse); Vertrag und Konsens als Konzept stand hier – wie auch schon im Kontrasexuellen Manifest – im Mittelpunkt und schien überhaupt bedeutsam für moderne sexuelle Praxen.
Auf dem nächsten Gegenuniplenum holte uns jedoch der tagespolitische Diskurs in der Form ein, dass der Vorschlag gemacht wurde, die aktuell in den Medien stattfindende Debatte um den ‚Kindesmissbrauch’ (sexuelle Gewalt gegen Kinder) zum Thema zu machen und Mediendiskurse, Theoriekonzepte und gesellschaftliche V erankerung in den Blick zu nehmen. Dabei ging es vor allem um eine Reflexion dessen, was in der medialen Diskussion des Themas wenn überhaupt nur sehr marginal passiert: Warum das Thema gerade jetzt zum breit diskutierten Problem wird, welche diskursiven V orbereitungen dieser Veröffentlichung es gegeben hat und innerhalb welcher V erhältnisse dieser Diskurs wie geführt wird. Welche gesellschaftlichen Hegemonien und Gewaltverhältnisse begünstigen an unterschiedlichsten gesellschaftlichen Orten Übergriffe auf Schwächere – wie hier konkret: auf Kinder – und warum wird das in der Diskussion systematisch nicht reflektiert? Deutlich wurde, wie in der Diskussion einerseits der immer noch höchst wirksame Mythos vom „asexuellen Kind“ mit der allerdings zentralen Unterscheidung von kindlicher und erwachsener Sexualität durcheinander gerät: Dass sich kindliche Erotik auch auf die Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen erstreckt und dieses Moment der Sinnlichkeit etwas nicht
nur sehr Schönes, sondern auch sehr Wichtiges für die kindliche Lebenswelt ist, wäre dabei ein dethematisierter Aspekt. Das Gewaltförmige in den Fällen sexueller Gewalt gegen Kinder liegt vielmehr in dem Ausnutzen der Asymmetrien im kindlichen und erwachsenen Erleben sowie in der Ausbeutung des Machtgefälles. Die projektive Abwehr des Themas kindlicher Sexualität mündet so in eine Verlagerung der Diskurse um (sexuelle) Gewaltverhältnisse, was wir an einem Text von Sophinette Becker über Pädophilie vertieften.
Um dann doch etwas Abstand von den einzelnen Ausprägungen der sexuellen Orientierung zu nehmen und die Diskussion wieder breiter zu führen, befassten wir uns mit demKonzeptderNeosexualitätenvonVolkmar Sigusch. Dieses Konzept versucht eine Entwicklung der Sexualität in den westlichen Gesellschaften nachzuzeichnen bzw. die Ablösung eines Sexualitätskonzepts durch ein anderes darzustellen. Ein Teilaspekt bildet die These, dass eine Diversifizierung der Sexualität stattgefunden habe und vormals kriminalisierte oder pathologisierte Praktiken eine breitere gesellschaftliche Anerkennung gefunden haben. Er konstatiert aber auch die Zurückwendung des Subjekts auf sich selbst, den self-sex. Die Bezugnahme auf die Sexualwissenschaft erschien uns einerseits insofern sinnvoll und wichtig, da es sich bei ihr um einen kritischen Wissenschaftszweig handelt, der in Frankfurt aus dem ‚Kanon’ eliminiert wurde. Andererseits scheint es, als hätten wir mit unserer Diskussionsreise durch diverse V orstellungen, Konzepte und Praxen der Sexualität genau jene Bewegung nachvollzogen, die Sigusch unter dem Begriff der Neosexualitäten zu fassen versucht hat.
Mit dem bestehenden Programm wurde nun Einiges zum Sprechen gebracht, anderes bleibt ziemlich im Dunkeln. Diese Beliebigkeit ist zum großen Teil den (immer: hässlichen) Sachzwängen geschuldet: Referent_innen
sagten ab oder meldeten sich nie zurück, und für uns als V orbereitungsgruppe – bestehend aus Lohnarbeiter_innen und Studierenden, Arbeitslosen und Doktorand_innen oder Mischformen aus alledem – gab das Zeitbudget oft nicht so viel her. Ob die jetzige Vielfalt und Beliebigkeit, das „bunte Warensortiment“, im Nachhinein auch als Praxen von Neosexualität und Neoliberalismus zu begreifen sind, hat uns nachdenklich gemacht. Dies weiter zu reflektieren ist etwa so notwendig wie die Frage, wie viel neoliberaler Kapitalismus zu welchen Bedingungen im Konzept der Neosexualitäten steckt. Dazu passt auch unsere Beobachtung, dass wir uns auf die kritische Sexualforschung in unserer Diskussion meist allein affirmativ bezogen haben – die Diskussion von Ablehnung oder Grundsatzkritik einer Wissenschaft über das Sexuelle fehlt in unserer Auseinandersetzung. Auch hätten wir uns gerne mehr mit den (notwendigen) Ambivalenzen politischer Interventionen beschäftigt, welche zur Entpathologisierung gesellschaftlicher Minderheiten bestimmte – und dann natürlich: auch wieder ausschließende – V ereindeutigungen vornehmen; zu Reflexionen, die auch der kritischen Sexualwissenschaft selbst nicht fremd, sondern die ihr ganz im Gegenteil immer immanent sind, sind wir leider nicht mehr gekommen. So ist jetzt zwar alles Mögliche vertreten, aber vieles eben auch nicht. Diese Selbstkritik trifft jedoch nicht die einzelnen Veranstaltungen und Workshops, sondern betrifft ganz dezidiert das Gesamtprogramm. Jede der einzelnen V eranstaltungen korrigiert die Unbestimmtheit des Gesamtkonzepts. Es gibt Elefanten und Zwitscherentchen, dazwischen ist weite Steppe. Einen Kanon singen wir jedenfalls nicht.

eröffnung: montag 03.05., 21h

Dienstag 04.05., 19h
Film und Diskussion: „Freud“ (Freud – The secret passion, 1962). Der unter der Regie von John Huston gedrehte biographisch orientierte Film über Freud basiert auf einem Drehbuchentwurf Sartres. Er stellt nicht nur eine gute allgemeine Einführung in die Psychoanalyse dar, sondern bietet auch Anlass, allgemein über Sartres V erhältnis zur Psychoanalyse zu diskutieren.

Mittwoch 05.05., 16h
Lektüre Workshop: Dialektik in der Kritischen Theorie Längst zum größten Teil aus der Gesellschaftstheorie verbannt, ist Dialektik zum Denkspiel verschrobener Leute degradiert. Die Gesellschaftskritik Adornos ist dagegen genuin dialektisch, und auch er schlägt sich mit den Angriffen von Seiten des Mainstreams herum. Am Beispiel seines Aufsatzes „Gesellschaft“ soll die dialektische Kritik Adornos nachvollzogen werden. Bei einer zweiten Sitzung besteht die Möglichkeit, einen weiteren Text hinzuziehen. Dies ist frei gestaltbar.

Mittwoch 05.05., 18h
Lektüre Workshop: Das kontrasexuelle Manifest Das kontrasexuelle Manifest war der erste Text, den wir uns in der Vorbereitungsgruppe zu dieser gegen_uni vorgenommen haben. Da unsere Diskussion andere Wege eingeschlagen hat, wollen wir in diesem Workshop einen erneuten Versuch starten. Kopiervorlagen gibt es im ivi.
Beatriz Preciado: kontrasexuelles manifest. b_books 2003

Mittwoch 05.05., 20h
„Der Junge von nebenan“. Lesung von Martin Büsser Ein Junge ohne Namen, eine Jugend in den Siebzigern. Während sich die Eltern für den bewaffneten Kampf im Untergrund entscheiden, erlebt der Erzähler sein schwules Coming-out. BRD-Geschichte und ‚éducation sentimentale’ verschmelzen zu einer stilistisch einzigartigen Bildgeschichte, angesiedelt im Graubereich zwischen Graphic Novel und illustrierter Erzählung, in der die Niedlichkeit und Naivität der Bilder immer wieder durch drastische, dramatische und ernüchternde Momente gebrochen wird. (aus dem Klappentext)

Donnerstag 06.05., 18h
Wie kann SM beschrieben werden? Oder: Coming to Grips with Sadomasochism. V ortrag und Diskussion mit Norbert Elb Die gern gestellte Frage: Was ist (eigentlich) SM? Kann wissenschaftlich nicht so recht beantwortet werden. Die (bescheidenere) Frage: Wie kann SM beschrieben werden? können wir aber wissenschaftlich schon näher rücken. Ich habe dies in einer 2006 veröffentlichten Studie über die SM- Sexualität versucht. Erfahrungsgesättigt aus der heterodominierten SM-Szene Deutschlands heraus habe ich vorgeschlagen, SM als asynchrone Sexualität zu verstehen. Diese Asynchronität wird entweder durch sexuelle Gewalt oder durch Hierarchie oder durch machtgebende Fetische hergestellt. Die Sex-Ideologie oder Sex-Utopie hebt sich dadurch vom weitgehend synchronen Sexualitätsdiskurs der Mainstream-Welt ab. SM erscheint zunächst als Abkürzung für Sadomasochismus. SM wird aber von den heterosexuellen SMerInnen ebenso wie schon früher von der schwulen Lederbewegung und von der lesbischen SM-Bewegung als relativ eigenständiger Begriff verwendet, um damit diese Sexualität einem pathologisierenden Diskurs zu entwinden.

Donnerstag 06.05., 20.30h
*Pink Rabbit* /Ein V ortrag mit der Naturfreundejugend Berlin. Organisiert von sinistra! antagonistische assoziation./ Immer wieder entwickeln sich in Deutschland öffentliche Debatten, die auf unterschiedliche Art und Weise das Verhältnis „der Deutschen“ zu ihrer Nation zum Inhalt haben. Der Ruf nach einer „deutschen Leitkultur“ wird aus allen politischen Lagern laut; die Liebe zu Deutschland ist wieder salonfähig. Merkel ruft dazu auf, dass sich „das deutsche Volk“ wieder klar werden müsse über seine eigenen Werte, sich wieder mit der Nation identifizieren müsse. In der Politik, im Kino, Radio, auf MTV und in der Modewelt – überall schwarz-rot-goldene Deutschland- seeligkeit. Dabei dient das Nationalismus- Gefasel vorrangig dazu, sich gegen andere Menschen abzugrenzen, ihnen Rechte zu verwehren und für sich selbst Privilegien zu erhalten. Dies wurde an der Leitkultur- Debatte deutlich: Wer sich nicht den deutschen Traditionen und Gebräuchen unterwirft, der soll auch kein Recht haben, in Deutschland zu sein, hier zu arbeiten, hier zu leben.
Deshalb und weil nationalistische, anti- semitische und rassistische Positionen weiter- hin in dieser Gesellschaft fest verankert sind, veranstaltete die Naturfreundejugend Berlin im letzten Jahr die Kampagne „Pink Rabbit“, welche in die nationalistische Alltagskultur intervenieren sollte. Wir haben die NFJ eingeladen, damit sie uns von ihren Erfahrungen mit der Kampagne berichten können und die Inhalte ihrer Broschüre „Pink
Rabbit gegen Deutschland. Positionen der antinationalen Kampagne zum Gedenkjahr 2009“ vorstellen können.

*** Achtung: Vortrag verlegt auf den 20.o5., 19h*** Freitag 07.05., 18h
Sartre und der Marxismus – Vortrag von Christoph Zwi Obwohl Sartre sich selbst als marxistisch inspiriert begriff, war er auch von undogmatischer Seite stets mitunter harscher Kritik ausgesetzt. Diese soll am Beispiel der Kritik des „orthodoxen“ Georg Lukács und der „extremistischen“ Situationistischen Internationalen dargelegt und diskutiert werden.
Der Referent ist u.a. als Mitglied des Autorenkollektivs BBZN (Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung) bekannt.

Samstag 08.05., 22h
Konzert:

‚ALLEZ LES AUTRES’ [myspace.com/allezlesautres]

‚THE WIND-UP ROBOTS KILLED MY CAT’ [myspace.com/twrkmc]

Sonntag, 9.o5., 20h
Psychoanalytische Überlegungen zu den Geschlechter- und Sexualitätsentwürfen im Nationalsozialismus. Vortrag von Sebastian Winter

Dienstag 11.05., 14h
Film: ‚Vom Trieb und von der Liebe. Der Sexualforscher V olkmar Sigusch’ (hr 1985, Regie: Klaus Podak, 60 min) Ein Interview mit Volkmar Sigusch über den Stand der Sexualforschung. Grundsätzliche Überlegungen zur Sexualwissenschaft werden vor-, angestellt und anschaulich gemacht. Anschließend ein Kurzinterview mit Sigusch von 1997.

Dienstag 11.05., 19h

Film: ‚Verfolgt’ (D 2006)

Der preisgekrönte deutsche Film aus dem Jahr 2006 erzählt die Geschichte einer ganz normalen sadomasochistischen Beziehung. Es gelingt ihm dabei nicht nur, diese gerade aus der Perspektive weiblichen (”dominanten”) Begehrens heraus zu erzählen, sondern auch die gesellschaftlichen Widersprüche, in denen sich SMer_innen bewegen, darzustellen. Er ist daher kein reiner “SM-Film”, sondern generell interessant für alle, die die filmische Umsetzung des Schicksals devianter Minderheiten interessiert. Weiterhin behandelt werden im Film auch die “heißen” Themen von sexuellen Beziehungen mit großem Altersunterschied und Sexualität innerhalb pädagogischer Machtbeziehungen. Und er ist natürlich, als typischer Vertreter seines Genres (”amour fou”-Filme), auch einfach so ein ästhetischer Genuss.

Mittwoch, 12.o5., 20h
Ein popkultureller Abend mit Wort und Bild von Klaus Walter
If I was your girlfriend, would you let me kiss you? Fragt Prince. I kissed a girl. Antwortet Katie Perry. Sex- & Gender Irrungen & Wirrungen von 1966 bis 2010, von Twiggy bis Gaga

Donnerstag 13.05., 16h
Lektüre Workshop: Sarte über (sexuelle) Begierde In seinem philosophischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ analysiert Jean-Paul Sartre u.a. auch die „konkreten Beziehungen zu Anderen“: Liebe, Sadismus, Masochismus, Sprache, Hass, Gleichgültigkeit - und auch sexuelle Begierde. Die Lektüre dieses relativ kurzen Abschnitts hilft nicht nur, den Feminismus Simone de Beauvoirs besser zu verstehen, sondern wirft auch grundsätzlich die Frage auf, in welchen Begriffen sich das (anscheinend) in der „conditio humana“ selbst angelegte Phänomen der Sexualität am besten beschreiben lässt: in Begriffen der Biologie, einer biologisch fundierten Psychologie, der Sozialwissenschaften - oder eben, wie Sartre vorschlägt, einer philosophischen Anthropologie, die die Sexualität nicht als kontigentes biologisches Phänomen, sondern als grundlegende Verhaltensweise zum „Anderen“ begreift. Eine V erhaltensweise zumal, die immer Bestandteil eines Entwurf, einer freien Selbstwahl des Individuums, und nicht Produkt irgendwelcher Determinationen ist.
J.-P. Sartre: Das Sein und das Nichts. Hamburg 2009, S. 669-696. [eine Kopiervorlage wird im Arbeitsraum des IVI ausliegen]

Freitag 14.05., 16h
Lektüregruppe: Klassiker_innen oder vielmehr: Grundlagen queer-feministischer Theorie Ein Ursprung queerer Theorieentwicklungen sind Überlegungen, dass feministische Analysen von Geschlecht nicht ausreichend den Aspekt der Sexualität berücksichtigen, vor allem dann nicht wenn es um Sexualität jenseits von Heterosexualität geht. Diese Debatten wurden in den späten 1970er und 1980er Jahren geführt und sind teilweise heute noch Grundlage für queer-feministische Überlegungen und Konflikte. Diese vor allem auch in den Lesbian Studies geführten Debatten sind heute jedoch nicht mehr sonderlich präsent.
Gelesen wird ein Überblickstext zu aktuellen Sexualitätskonzepten von queeren und feministischen Theorien: Lay, Caren (1999): Queering Feminism - Feminizing Queer. Sexualitätskonzeptionen im Feminismus und in der Queer Theory. In: Potsdamer Studien zur Frauen- und Geschlechterforschung, Jg. 3, H. 2, S. 21–36. Online verfügbar unter
http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2008/1636/p df/psgf_1999_2.pdf
Außerdem soll mindestens ein Klassiker- Innentext besprochen werden. Zum Beispiel: Rubin, Gayle S. (2005): Sex denken. Anmerkungen zu einer radikalen Theorie der sexuellen Politik. [1984]. In: Kraß, Andreas (Hg.): Queer denken. Gegen die Ordnung der Sexualität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 31–79
Wir gehen davon aus, dass die Texte zum Termin gelesen wurden. Und wer den Rubin- Text nicht zu Hause hat, kann den von Alek bekommen: tapete75@yahoo.de
Gemeinsame weitere Lektüre von weiteren Texten können vor Ort vereinbart werden. Julia und Alek

Freitag 14.05., 19h
Film: ‚Wilhelm Reich. Viva kleiner Mann’ (hr 1987, Regie: Digne Meller Marcovicz, 75 min) Ein collagenartig anmutender Film über Leben und Forschen Wilhelm Reichs. Besonders sein Wirken und seine Wirkung in den USA steht im Mittelpunkt, wohin er nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten floh. Der Film setzt sich hauptsächlich aus Kurzinterviews zusammen, die den Eindruck des Mosaikartigen noch verstärken. Zu Wort kommen Reichs Lebensgefährtinnen Elsa Lindenberg und Ilse Olendorf (seiner letzten Frau), seine Tochter Elsa und seine Enkel, die noch heute beeindruckten Kleinbürger aus der Umgebung von Orgonon (seiner Forschungsstätte in Maine/USA), diverse Sexualwissenschaftler und Psychoanalytiker sowie die ehemaligen Staatsanwälte, die den Prozess gegen ihn führten, der mit seiner Verurteilung endete.

***Nachmeldung*** Montag, 17.05, 19h
Die (Re)Produktion von Geschlecht und Sexualität durch das Recht.
Einführungsworkshop zu feministischer Rechtstheorie

Das Recht spielt keine kleine, aber oft vernachlässigte Rolle in der
Konstruktion von Geschlechtern und Sexualitäten. Die feministische
Rechtstheorie versucht diese Konstruktion und die (Re)Produktion von
hierarchischen Verhältnissen zwischen den Geschlechtern und Sexualitäten zu
entschlüsseln und zu untersuchen, wie und an welcher Stelle dies im Recht
passiert.
Auch wie sich das Recht und gesellschaftliche Auseinandersetzung um die
Gleichberechtigung verschiedener Geschlechter und Sexualitäten gegenseitig
beeinflussen und ob Recht überhaupt ein politisches Mittel zur
Gleichberechtigung oder gar Emanzipation darstellt, ist ein Dauerbrenner der
feministischen Rechtstheorie.
Wir wollen in diesem Workshop einige grundlegende Überlegungen der
feministischen Rechtstheorie vorstellen und anhand einiger typischer Spannungs-
und Kritikfelder im und am Recht verdeutlichen (z.B. gleichgeschlechtliche Ehe,
das Konzept der Ehe an sich, die “Haustyrannen-Fälle” und die weibliche
Opferrolle, Inter- & Transsexualität, das Verbot von männlicher
Homosexualität). Je nach Interesse kann der eine oder andere Punkt noch
intensivier diskutiert werden.
Einige Texte zu der Thematik liegen kopiert im IVI-Büro. Wenn wir im Workshop
etwas lesen, bringen wir den Text mit. Vorwissen (egal ob juristisches oder
sonstiges) ist nicht nötig.

***Nachmeldung*** Dienstag, 18.o5., 17h c.t.
Lese- und Diskussionskreis: Sigmund Freuds Abhandlungen zur Sexualtheorie

“Wer die Sexualität für etwas die menschliche Natur Beschämendes und
Erniedrigendes hält, dem steht es ja frei, sich der vornehmeren
Ausdrücke Eros und Erotik zu bedienen. Ich hätte es auch selbst von
Anfang an so tun können und hätte mir dadurch viel Widerspruch erspart.
Aber ich mochte es nicht, denn ich vermeide gern Konzessionen an die
Schwachmütigkeit.”
Ob sich Sigmund Freud wirklich auf jene Weise viel Widerspruch erspart
hätte, ist fraglich. Anders als er es in dem vorangegangenen Zitat nahe
legt, empörte er die meisten seiner Zeitgenossinnen und -genossen nicht
allein wegen seiner Wortwahl. Sein Nachweis des starken Einflusses von
sexuellen Triebregungen auf die menschliche Psyche, seine Behauptung
einer infantilen Sexualität und die Entdeckung des Ödipuskomplexes
erschütterten althergebrachte Sexualitätsvorstellungen und -ethik in
ihren Grundfesten. Versuchte man damals zunächst, Sigmund Freud durch
Ignoranz und Verleumdung beizukommen, machten sich die nächsten bald
daran, die psychoanalytische Theorie zu schleifen und aller unliebsamen
Inhalte zu berauben. Kein Wunder, dass Psychoanalyse heute nur noch
selten für Widerspruch sorgt, handelt es sich bei dem meisten, was als
solche etikettiert wird, nur noch um ein Verfallsprodukt jenes
Prozesses. Grund genug, sich zu ihren Anfängen zurückzubegeben und den
berühmten 1905 veröffentlichten “Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie”
zuzuwenden.
Da der Text recht übersichtlich und kleinschrittig gegliedert ist, halte
ich es nicht für notwendig sich im Vorfeld auf eine einheitliche Ausgabe
zu einigen. Wer gerne an der Veranstaltung teilnehmen möchte und
Schwierigkeiten hat, sich eine Textgrundlage zu besorgen, melde sich
bitte beim Veranstalter. Alle Interessierten lesen den Text bitte bis
zur Veranstaltung. Bei Fragen: zagu@riseup.net

Dienstag 18.05., 20h
on the notion of sex and related politics. historisch-materialistische triebtheorie meets queer theory. Vortrag von Julia König Mit einigem Recht kann Sexualität als ein Thema verstanden werden, welches durch die Psychoanalyse Eingang in öffentliche Diskurse der bürgerlichen Gesellschaft über Identität, Persönlichkeit sowie Widerständigkeit und Devianz gefunden hat. Als zentraler Begriff der Analyse bürgerlicher Subjektivität war der psychoanalytische Sexualitätsbegriff so aber auch eben jenen Problematiken verhaftet, die der bürgerlichen Sozialisation immanent sind: Eine historisch- materialistische Reformulierung des Konzepts war daher eine Notwendigkeit, um das Phänomen Sexualität wie den Begriff Sexualität als Analysekategorie innerhalb kapitalistischer Vergesellschaftung begreifen zu können. Grundlage für die queer- feministische Fokussierung der Sexualität war wiederum die Kritik an der feministischen Fokussierung auf die Analysekategorie Geschlecht und der damit verbundenen Totalisierung der Sexualität als Hetero- sexualität zum Gewaltverhältnis. Ich werde in meinem V ortrag die Frage diskutieren, inwiefern – oder: ob – eine Vermittlung der beiden theoretischen Ansätze nun theoretisch wie politisch produktiver sein könnte als jeweils eine der beiden Herangehensweisen, um das zu thematisieren, was für einen radikal emanzipatorischen Begriff der Sexualität zentral ist, z.B.: zu Selbstver- ständlichkeiten geronnene gesellschaftliche V erhältnisse zu demontieren, damit eine Absage an besagten nosomorphen Blick zu erteilen und Sexualität produktiv zu machen für eine emanzipatorische Politik.

Mittwoch 19.05., 20h
Pädagogischer Eros, männerbündische Ideologie und das klassische Athen. V ortrag von Micha Brumlik Die Debatte über sexuellen Missbrauch zieht weite Kreise. Immer wieder wird der «pädagogische Eros» zitiert, der seine Heimstatt in der griechischen Antike gehabt habe. — Wer aber könnte behaupten, die damals geübten Praktiken hätten die Heranwachsenden nicht traumatisiert? Micha Brumlik setzt sich in seinem Vortrag mit der V erklärung des antiken Athen und der Überhöhung des deutschen Wandervogels auseinander. Micha Brumlik lehrt an der Uni Frankfurt am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwer- punkt “Theorie der Erziehung und Bildung”. Daneben leitete er von Oktober 2000 bis 2005 als Direktor das Fritz Bauer Institut, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust.

Donnerstag 20.05., 17h
Sartre und der Marxismus – Vortrag von Christoph Zwi Obwohl Sartre sich selbst als marxistisch inspiriert begriff, war er auch von undogmatischer Seite stets mitunter harscher Kritik ausgesetzt. Diese soll am Beispiel der Kritik des „orthodoxen“ Georg Lukács und der „extremistischen“ Situationistischen Internationalen dargelegt und diskutiert werden.
Der Referent ist u.a. als Mitglied des Autorenkollektivs BBZN (Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung) bekannt.

Donnerstag 20.05., 20h
Film/ Gespräch: Safe (USA 1995, R: Todd Haynes) Safe (1995) ist einer der Filme, die den Ausläufern des new queer cinema zuzurechnen sind. New queer cinema steht für eine Reihe von Filmen, die Anfang der 90er Jahre überwiegend in den USA entstanden sind. Diese Filme brechen mit dem Gebot der Produktion positiver Images und einer bestimmten Auffassung von Repräsentations- und Identitätspolitik, wie sie in den 80er Jahren von schwul/lesbischen Bewegungen im Rahmen einer überwiegend an Toleranz orientierten Integrationspolitik vertreten wurde. V or dem Hintergrund der AIDS-Krise greifen die Filme des new queer cinema formal und inhaltlich eine Reihe von V erschiebungen innerhalb von
Repräsentations- und Wissensdiskursen auf, wie etwa die Frage nach der (Un-)Sichtbarkeit und Erfassbarkeit der Krankheit oder das Zusammenbrechen verschiedener Grenzen – gesund/krank, normal/pervers etc. In verschiedenen Filmen, die dem Bereich des new queer cinema zugeordnet werden, wird HIV/AIDS verhandelt, häufig jedoch ohne dass das Phänomen explizit dargestellt oder beim Namen genannt würde. Auf diese Weise unterlaufen und hinterfragen die Filme auch konventionelle Repräsentationen von Krankheit und Erkrankten.
Safe stellt eine minimalistische Erzählung dar, die sich um eine weiße kalifornische Hausfrau der oberen Mittelklasse dreht, die an gleicher- maßen unerklärlichen, wie lebens- bedrohlichen asthmatischen Anfällen zu leiden beginnt. Der Film verhandelt unter anderem, auf welche Weise abweichende, kranke oder krisenhafte Körper die hetero- normative Matrix stören können, oder umgekehrt von dieser als verstörend gezeichnet werden, ohne dass das Syndrom oder queere Sexualität direkt bemüht werden.

Freitag 21.05., 17h
10THESENZUSEXUELLARBEITEN– „10 x sexuell arbeiten“ „Der von ihnen vorgeschlagene Begriff macht dabei eine Doppelbewegung: Einerseits wird die Sexualisierung von Arbeitsräumen und Arbeitspraxen theoretisiert, andererseits wird der Begriff auch auf die Arbeit am Geschlecht selbst angewendet, ob durch körperliche Disziplinierung, institutionelle Anrufung oder partnerschaftliche Konstitution in Relation zur heteronormativen Matrix. [...] Stattdessen verstehen sie die strategische Zusammen- legung der Begriffe Sexualität und Arbeit als eine Möglichkeit, ein Feld verschiedener Anforderungen und Aufwände zu adressieren,
in dem sich Anerkennung und Drohung, Prekarität und Freiheitsversprechen die Hand geben.“ Tim Stüttgen in springerin.at 01/08
„Arbeit ist doppelt produktiv, so eine der Thesen, da sie nicht nur äußerliche Effekte (etwa ein Produkt) produziert, sondern auch Sexualität und Geschlechtlichkeit hervorbringt: Die Arbeitskraft, die eine Leistung verrichtet, ist also einerseits Ware, das Produkt „individualisierte Arbeitskraft“, zugleich wird sie jedoch in ihrem Arbeitsverhältnis als Person adressiert, als vergeschlechtlichte Person mit spezifischen Fähigkeiten/Fertigkeiten bzw. guten wie schlechten Eigenschaften - die ihrerseits arbeiten wollen (Rhythm King And Her Friends/René Pollesch). Am Arbeitsplatz werden demnach Anforderungen gestellt, die sich nicht auf äußerliche Zwänge reduzieren lassen, sondern vielmehr einem ambivalenten Anreiz/Zwang entsprechen, als natürlich und persönlich begriffene geschlechtsspezifische Fähigkeiten und Emotionen in den Arbeitsprozess zu integrieren: Indem sie daran beteiligt ist, die Individuen mit ihren (geschlechtsspezifisch) erlernten Fähigkeiten/ Fertigkeiten in die Arbeit zu involvieren, ist Sexualität als Machtkategorie im Bereich der Arbeit wirksam; sie reizt die Begehren der Subjekte an, die sich als gesellschaftlich vermittelte auf bestimmte Arbeiten richten. Damit wirkt Sexualität als Scharnier bzw. Knotenpunkt zwischen Individuen und Gesellschaft, sie bringt Subjektivierungen hervor, ordnet die Subjekte entlang von „race“, Klasse, Geschlecht, Herkunft oder Alter an und setzt sie miteinander in Beziehung.“
Birgit Mennel, Andrea Salzmann in grundrisse.net
Textgrundlage: Pauline Boudry, Brigitta Kuster und Renate Lorenz „sexuell arbeiten. eine queere perspektive auf arbeit und prekäres leben“. Berlin: b_books, 2007

Freitag 21.05., 20h
Workshop: Repräsentationen von Sexualität in Romanen der Frauenbewegung. Mit Regina Schleicher Sexualität und Emanzipation – Beispiele aus den Romanen der Neuen Frauenbewegungen Die Neuen Frauenbewegungen in den verschiedenen europäischen Ländern haben bereits seit den 1960er Jahren eine umfangreiche Romanliteraturproduziert. Anhand von Textauszügen können wir in diesem Workshop ein Thesenpapier zu den Repräsentationen von Sexualität in diesen Romanen und ihr V erhältnis zu den literarischen Schilderungen von Emanzipation diskutieren und weiterentwickeln. Eine Vorbereitung ist nicht notwendig.

Samstag 22.05., 18h
Veranstaltung: Geschlecht, Sexualität und ‚Rasse’ in antisemitischen Karikaturen. Mit Regina Schleicher Am Beispiel von antisemitischen Karikaturen um 1900 aus Frankreich und Deutschland lässt sich zeigen, welche Funktionen Feminisierung, Maskulinisierung und Sexualisierung in einem rassistisch- antisemitischen Diskurs haben. In meinem V ortrag möchte ich meine Thesen hierzu erläutern und zur Diskussion stellen.

Video-Installationen:

‚Stair Love’, 4:50 min, 2010, Flo Maak

Eine Katze ist unglücklich in eine Treppe verliebt. Im Rückblick erzählen die Bilder von einer kurzen innigen Liebe unterlegt mit einer leiernden Variation des Songs Je t‘aime… moi non plus von Serge Gainsbourg und Jane Birkin. Unterbrochen wird der Song durch einen Dialog zwischen der Katze und dem Hund in welchem die Ambivalenz des Songs aufgegriffen wird und die Frage nach der Natur dieser bestimmten und der Liebe überhaupt diskutiert wird. Die Katze zitiert zur Verteidigung der Wahl ihrer Liebsten aus Charles Fouriers utopischen Schriften zur freien Liebe für die der Hund wenig Verständnis aufbringen kann.

‚Dad Dracula is Dead’, 13 min, 2009, Rebecca Ann Tess

Dies ist der erste Teil eines dreiteiligen Video Projekts, welches sich auf stereotype Charakterdarstellungen der europäischen und US amerikanischen Kino- und Fernsehgeschichte bezieht. Die Reihe beginnt mit einem Rückblick auf das Kino der 20er und 30er Jahre, eine Zeit nicht nur der Wende vom Stumm- zum Tonfilm, sondern auch zunehmender inhaltlicher Regulierung der Filmindustrie. Mit dem Stilmittel der historischen Nachstellung werden Szenen aus sechs Filmen dieser Zeit vor dem Hintergrund aktueller Fragestellungen neu beleuchtet. Re- reenactment und Verfremdung werden hierbei kombiniert, die Figuren des Films stellen nicht bloß dar, sondern sie stellen aus, was sie darstellen und kommentieren ihre Gesten im Vollzug.

‚Orchids’, 21:12 min, 2008, Rebecca Ann Tess

Eine 72 jährige erzählt aus ihrem Leben und vor allem ihrem Zusammenleben mit Peter, ihrem schwulen Freund, den sie vor einigen Jahren geheiratet hat. Es geht um Freundschaft, Beziehung, Sex, Liebe und Familie. Diese Begriffe tauchen in der Geschichte immer wieder auf, ihre mögliche Bedeutung wird verhandelt und die damit verbundenen Selbstverständlichkeiten problematisiert. Die Sprecherin bleibt dabei unsichtbar und ebenso sind die Fragen auf die sie antwortet ausgelassen.

institut für vergleichende irrelevanz/ kettenhofweg 130/ frankfurt

aktualisierungen unter ivi.copyriot.com

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