schupplade

Westend, du Standort – gib’ Villa!

Zur freundlichen Beachtung:

Soeben wurde die Schumannstraße 2 im Frankfurter Westend besetzt :) Alle infos:  http://wastend.wordpress.com/

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Selbstverwaltete Räume, die auf nicht kommerzieller Basis für politische Arbeit, Veranstaltungen und Partys genutzt werden können, gibt es viel zu wenige. Früher oder später, wenn der Städtebau einmal mehr veranschaulicht, dass der “Standort” weit über den Bedürfnissen der dort lebenden Menschen steht, werden sie von Verdrängungsprozessen eingeholt. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben kostet nicht nur immer mehr Geld, sondern auch die Bereitschaft, die in der Mehrheitsgesellschaft üblichen sexistischen, rassistischen und homophoben Spielregeln zu befolgen. Wer feiern will, ohne Formen von Diskriminierung zu erfahren und die kritische Auseinandersetzung damit sucht, kann eigentlich gleich zu Hause bleiben. Auch wer nicht versteht, warum Essen, Leben, Feiern, Wohnen usw. in einer Welt, deren technische Möglichkeiten längst zur selbstverständlichen Befriedigung dieser Bedürfnisse für alle Menschen auf diesem Planeten genügen würden, stets an einen Tauschakt gebunden ist, stößt auf Unverständnis.

Ohne ein Bewusstsein dafür zu haben, weiß spätestens nach dem Pisa-Leistungsterror und der G8-Reform schon jedes Kind, dass relevant in dieser Welt nur ist, wer durch die Verausgabung seiner Arbeitskraft Wert produziert, der sich im Tausch mit anderen Waren realisieren lässt. Lässt sich bei der Herstellung herkömmlicher Güter im Zuge der Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch maschinelle Produktion nicht mehr genug Mehrwert abschöpfen, werden auch immaterielle Güter wie Bildung oder Gesundheit zunehmend in Warengestalt gepresst und tauschbar gemacht. Wer nicht, nicht unter anerkannten Bedingungen oder nicht “ausreichend” gegen Lohn arbeitet und auch nicht über privates Eigentum an Produktionsmitteln wie Boden, Immobilien oder Maschinen verfügt, büßt seine Möglichkeit zur Mitgestaltung dieser Welt faktisch ein.

Im institut für vergleichende irrelevanz – kurz ivi – wird versucht, dieser bewusstlosen Praxis eine andere – theoriepraxisparty – entgegenzusetzen. Gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur und gegen die Universalisierung der instrumentellen Logik des Warentauschs soll dort praktiziert werden, was seit dem Wegfall der zu autoritären Denkfabriken umfunktionierten neoliberalen Hochschulen als Bildungs- und Politisierungsinstanz anderswo kaum mehr möglich ist: Denken um seiner selbst willen.

Aus Selbsterhaltungsinteresse lässt die herrschende Idiotie dagegen lieber Fakten als Argumente sprechen: Mit dem Verkauf des alten Kramerbaus, in dem das ivi untergebracht ist, gab die Goethe-Universität ihre Toleranz für die Reste nicht-musealer kritischer Theorie in Frankfurt endgültig auf, um ein Haushaltsloch von einer Million Euro zu stopfen. Die dortigen Veranstaltungen werden vom neuen Eigentümer Franconofurt, der seine Interessen auch sonst mit äußerster Aggressivität vertritt, durch die Konstruktion einer nicht-existenten “ivi – Gesellschaft bürgerlichen Rechts” unter Hilfe der willfährigen Justiz und der Polizei verboten. Zukünftig soll geräumt werden, ohne dass die Stadt, die Universität, oder diejenigen Bürger_Innen, deren Irrelevanz noch nicht ausgemachte Sache ist, etwas dagegen unternähmen. Beispielhafter könnte man das Zusammenspiel von Staat, Kapital und pseudofreier Wissenschaft nicht entwerfen.

Aber das ivi ist nicht verkäuflich und es gehört auch niemandem. Es ist Ausdruck der Idee einer lebenswerten Einrichtung der Welt für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität, Einkommen oder Staatsangehörigkeit. In der Architektur Ferdinand Kramers hat diese Idee eine Wahlverwandtschaft gefunden und sich dort niedergelassen. Ihre Notwendigkeit besteht gerade darin, dass die tatsächliche Welt ihr kaum weniger gleichen könnte:

Wo entgegen der technischen Möglichkeiten im 21. Jahrhundert noch Menschen hungern müssen, weil die Lebensmittelproduktion in ihren Ländern mit der exportsubventionierten Landwirtschaft der kapitalistischen Zentren nicht mithalten kann;

wo der Wohlstand und soziale Frieden in Europa durch die Tode von Flüchtlingen an den abgeschotteten EU-Außengrenzen erkauft wird;

wo im vereinten postnazistischen Deutschland selbst nach der faktischen Abschaffung des Asylrechts 1992 weiter gegen Asylbewerber_innen gehetzt wird und Nazi-Mörder_Innen wie der NSU staatlich subventioniert werden, ohne dass mit der bürgerlichen Grundsätzlichkeit dagegen aufbegehrt wird, mit der Lappalien wie Stuttgart21 kritisiert wurden;

wo deutsche “Linke” noch heute argwöhnisch auf das sich verteidigende Israel blicken und das Treiben der antisemitischen Hamas ignorieren, die in ihrem wahnhaften Bestreben, Israel zu vernichten, auch die palästinensiche Zivilbevölkerung solange terrorisieren wird, bis das letzte Quentchen Vernunft durch Ignoranz oder Identifikation mit den Agressoren zu Wahnsinn geronnen ist;

wo mensch Haushaltsdefizite in Krisenzeiten anklagt, ohne die Kontinuität rassistischer Übergriffe und das sichtbare Erstarken faschistoider Kräfte – nicht nur im griechischen oder ungarischen Parlament, sondern durch weitläufige antidemokratische Tendenzen bis in die Mehrheitsgesellschaften und Institutionen aller europäischen Staaten hinein – eines Wortes zu würdigen;

kurz: wo sich erneut eine autoritäre Zuspitzung der Verhältnisse abzeichnet, reicht ein ivi nicht aus, um mit dem Denken dieser falschen Welt hinterherzukommen.

Ein ivi ist nicht genug. Also öffnen wir heute ein weiteres..

http://wastend.wordpress.com/

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