Ist Feminismus als Gegenstand politischer Auseinandersetzungen überhaupt noch aktuell? Was verstehen wir unter Feminismus? Wie ist Feminismus in den letzten Jahren verhandelt worden in öffentlichen Debatten und in politischen Zusammenhängen?
All diese Fragen haben wir in der Vorbereitung diskutiert. Feminismus ist in den letzten Jahren von einer eigenartigen Ambivalenz gekennzeichnet. Auf der einen Seite scheint es das Stigma zu geben, dass Feminismus unzeitgemäß, langweilig oder gar unsexy sei.
Auf der anderen Seite sind feministische Belange sozusagen gesellschaftlich angekommen. So sind z.B. bestimmte feministische Instrumente, wie Gleichstellungspolitik, fest institutionalisiert und selbst in konservativen Parteien und in Unternehmen wird über die Frauenquote diskutiert.
Auffällig an der öffentlichen Auseinandersetzung um Feminismus in den letzten Jahren ist, dass es eine Art Gegenüberstellung von altem vs. neuem Feminismus gibt.
Der alte Feminismus repräsentiert hierbei Lustfeindlichkeit und Verbitterung, während der neue Feminismus oder die neuen Feministinnen als frech, tough, sexuell freizügig und (finanziell) unabhängig dargestellt werden. Doch was genau bedeutet überhaupt diese Gegenüberstellung? Wird hier nicht ein ganz zentrales Moment des Feminismus komplett delegitimiert? Nämlich Feminismus als politische Bewegung und somit als kollektiver Ansatz?
Neben der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Debatten um Feminismus, möchten wir uns auch mit der Frage beschäftigen, wie innerhalb linker, politischer Zusammenhänge Feminismus verhandelt wird. In den Diskussionen über unsere Erfahrungen in der politischen Arbeit teilten wir die Einschätzung, dass es wenig Interesse an der Auseinandersetzung mit feministischer Theorie und Praxis in den linken Zusammenhängen Frankfurts, in denen wir aktiv sind, gibt. Oft entsteht sogar der Eindruck, dass bestimmte Errungenschaften durch feministische Kämpfe, z.B. die Politisierung sozialer Verhaltensweisen, wie Redeverhalten auf Plenas, nicht mehr Konsens sind, sondern stetig neu erkämpft werden müssen. Auch in Teilen der Linken scheint Feminismus als unsexy, altmodisch oder einfach nur als Dauernörgelei einzelner Frauen wahrgenommen zu werden.
An den aufgeführten Fragen und Thesen zeigt sich bereits, dass eine Gegenuni mit dem Schwerpunkt Feminismus zu organisieren ein gar nicht so einfaches Unterfangen ist. Je mehr wir in der Vorbereitung diskutierten, desto schwieriger wurde es ein kohärentes Konzept zu entwickeln, da das Thema Feminismus einfach immer größer zu werden schien. Nach zahlreichen Diskussionen, haben wir entschieden, dass es auch nicht darum gehen kann, ein kohärentes Konzept zu entwickeln, denn die Beschäftigung mit feministischen Ansätzen zeigt, dass die Bedeutung des Begriffes umstritten ist und es den Feminismus nicht gibt. Es geht im Rahmen der Gegenuni also eher darum, Denkanstöße zu geben und gemeinsam zu diskutieren, was Feminismus für unsere politische Praxis bedeuten kann.
Die Gegenuni verstehen wir nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern als einen offenen Prozess. Es werden weitere Diskussionsveranstaltungen folgen.
hier das programm zur 12. gegenuni vom 17.-22.01.2011 im ivi
das komplette programm mit kommentaren zu den einzelnen veranstaltungen als download (*.pdf)
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naturalisierung. gegenuni 12
Sowohl in den Universitäten als auch in den öffentlichen Medien ist schon lange eine Tendenz wahrnehmbar, die hauptsächlich darin besteht, naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle auf gesellschaftliche Entwicklungen anzuwenden. Exemplarisch und besonders augenscheinlich lässt sich hier die Sarrazin-Debatte im Herbst 2010 anführen. Auf Grundlage der Soziobiologie vertritt Sarrazin eine Position der Einteilung von Menschen nach Kriterien ökonomischer Nützlichkeit, die bis ins Innerste verwoben ist mit rassistischen Ressentiments. Die Einteilung in produktive und unproduktive Menschen wird grundiert durch die These, genetische und kulturelle Intelligenzdispositionen seien der Grund für die Existenz einer „Unterschicht“. Sarrazins Thesen zur Erblichkeit von Intelligenz stützen sich wie gesagt auf die Soziobiologie und wollen neben der Erklärung für den Bestand einer „Unterschicht“ auch gleich das Rezept für die Lösung liefern: mit dem „Argument“ vererbter Intelligenz wird die Klassenlage zu einer biologischen Eigenschaft von Mitgliedern einer identifizierten Gruppe erklärt. Der Furor richtet sich dabei zwar insgesamt gegen diejenigen, „die nicht ökonomisch gebraucht werden“ (Sarrazin in lettre international), richtet sich aber insbesondere gegen „Türken und Araber“, die „keine produktive Funktion“ hätten. In seinem Buch wird er dann deutlicher: Muslimische Migrant_innen hätten aufgrund von „genetischen Belastungen“ kein besonderes intellektuelles Potential, aber eine höhere Fertilität als die Intelligenten, wodurch sich, gemäß soziobiologischer Überlegungen, die „Gene jener am meisten (verbreiten), die die höchste Fruchtbarkeit haben“ (FAZ 26.08.2010). Das Rezept für die Lösung besteht
Hier der Mitschnitt des am 20.5. im Rahmen der 11. Gegenuni gehaltenen Vortrag Sartre und der Marxismus von Christoph Zwi. Wie man schnell merken wird, gab es leider einige Komplikationen. Nichtsdestotrotz eine hörenswerte Dokumentation, die, wie der Referent ankündigte, alsbald um eine schriftliche Ausarbeitung des sehr komplexen Themas ergänzt werden wird. Denn es geht nicht nur um Sartre und den Marxismus, sondern darüber hinaus um die Gegenüberstellung der avanciertesten (Sozial- )Ontologien des 20. Jahrhunderts (Heidegger, Sarte, Lukács, Situationisten). Viel Spaß beim Hören!
(Dauer: ca. 1 h 20 Min.)
In seinem philosophischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ analysiert Jean-Paul Sartre u.a. auch die „konkreten Beziehungen zu Anderen“: Liebe, Sadismus, Masochismus, Sprache, Hass, Gleichgültigkeit – und auch sexuelle Begierde. Die Lektüre dieses relativ kurzen Abschnitts hilft nicht nur, den Feminismus Simone de Beauvoirs besser zu verstehen, sondern wirft auch grundsätzlich die Frage auf, in welchen Begriffen sich das (anscheinend) in der „conditio humana“ selbst angelegte Phänomen der Sexualität am besten beschreiben lässt: in Begriffen der Biologie, einer biologisch fundierten Psychologie, der Sozialwissenschaften – oder eben, wie Sartre vorschlägt, einer philosophischen Anthropologie, die die Sexualität nicht als kontigentes biologisches Phänomen, sondern als grundlegende Verhaltensweise zum „Anderen“ begreift. Eine Verhaltensweise zumal, die immer Bestandteil eines Entwurf, einer freien Selbstwahl des Individuums, und nicht Produkt irgendwelcher Determinationen ist.
Lektüre: J.-P. Sartre: Das Sein und das Nichts. Hamburg 2009, S. 669-696. [eine Kopiervorlage wird im Arbeitsraum des IVI ausliegen] 13.5. 16:00 // 16.5. 17:00
Sartre und der Marxismus – Vortrag von Christoph Zwi
Obwohl Sartre sich selbst als marxistisch inspiriert begriff, war er auch von undogmatischer Seite stets mitunter harscher Kritik ausgesetzt. Diese soll am Beispiel der Kritik des „orthodoxen“ Georg Lukács und der „extremistischen“ Situationistischen Internationalen dargelegt und diskutiert werden.
Der Referent ist u.a. als Mitglied des Autorenkollektivs BBZN (Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung) bekannt.
Pink Rabbit. Ein Vortrag mit der Naturfreundejugend Berlin.
Immer wieder entwickeln sich in Deutschland öffentliche Debatten, die auf unterschiedliche Art und Weise das Verhältnis „der Deutschen“ zu ihrer Nation zum Inhalt haben. Der Ruf nach einer „deutschen Leitkultur“ wird aus allen politischen Lagern laut; die Liebe zu Deutschland ist wieder salonfähig. Merkel ruft dazu auf, dass sich „das deutsche Volk“ wieder klar werden müsse über seine eigenen Werte, sich wieder mit der Nation identifizieren müsse. In der Politik, im Kino, Radio, auf MTV und in der Modewelt – überall schwarz-rot-goldene Deutschland-seeligkeit. Dabei dient das Nationalismus-Gefasel vorrangig dazu, sich gegen andere Menschen abzugrenzen, ihnen Rechte zu verwehren und für sich selbst Privilegien zu erhalten. Dies wurde an der Leitkultur-Debatte deutlich: Wer sich nicht den deutschen Traditionen und Gebräuchen unterwirft, der soll auch kein Recht haben, in Deutschland zu sein, hier zu arbeiten, hier zu leben.
Deshalb und weil nationalistische, anti-semitische und rassistische Positionen weiter-hin in dieser Gesellschaft fest verankert sind, veranstaltete die Naturfreundejugend Berlin im letzten Jahr die Kampagne „Pink Rabbit“, welche in die nationalistische Alltagskultur intervenieren sollte. Wir haben die NFJ eingeladen, damit sie uns von ihren Erfahrungen mit der Kampagne berichten können und die Inhalte ihrer Broschüre „Pink Rabbit gegen Deutschland. Positionen der antinationalen Kampagne zum Gedenkjahr 2009“ vorstellen können.
06.05.2010 // Institut für vergleichende Irrelevanz // 20:30h
„Der Junge von nebenan“. Lesung von Martin Büsser Ein Junge ohne Namen, eine Jugend in den Siebzigern. Während sich die Eltern für den bewaffneten Kampf im Untergrund entscheiden, erlebt der Erzähler sein schwules Coming-out. BRD-Geschichte und ‚éducation sentimentale’ verschmelzen zu einer stilistisch einzigartigen Bildgeschichte, angesiedelt im Graubereich zwischen Graphic Novel und illustrierter Erzählung, in der die Niedlichkeit und Naivität der Bilder immer wieder durch drastische, dramatische und ernüchternde Momente gebrochen wird. (aus dem Klappentext)
Martin Büsser, geboren 1968, ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel zu Popkultur, bildender Kunst und Kulturkritik. Er schreibt unter anderem für konkret, Jungle World und WoZ. Martin Büsser lebt in Mainz und arbeitet dort unter anderem in der testcard-Redaktion. “Der Junge von nebenan” ist seine erste graphische und fiktionale Veröffentlichung.