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15. Frankfurter GegenUni

15. Gegenuni:
im Exil. Studierendenhaus, Uni Campus Bockenheim, Mertonstr. 26-28, 60325 Frankfurt am Main

programm-gg_uni2012-1Aufgrund der aktuellen Lage kann die Gegenuni dieses Semester nicht in den Institutsräumen stattfinden!

Wenn das IvI in der FAZ mehr oder weniger positiv rezipiert wird, dann hat das nicht nur damit zu tun, dass einige Professor_innen Unterstützungsaufrufe unterzeichnet haben. Sondern das geht im Wesentlichen darauf zurück, dass kritische Theorie im Schatten einer Institution betrieben wird, die historisch gesehen schon immer das Personal für herrschende Eliten produziert hat. Die „Gegenuni“ funktioniert in diesem Sinne als eine Art „bessere“ Uni, die sich fast ausnahmslos aus akademischem Personal rekrutiert, das akademische Inhalte diskutiert. Anspruch dabei ist jedoch, Formen der Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen gemeinsam zu erarbeiten, die eine größtmögliche Teilhabe zum Ziel haben. In kritischen Gesellschaftswissenschaften wird häufig die Konstruktion von gender, race und class hervorgehoben, die in gesellschaftlichen Praxen und Diskursen permanent neu hergestellt werden. Aber während für gender und race gilt, dass diese durch biologistische oder kulturalistische Erklärungsmuster in den Alltagsverstand eingeschrieben sind und wie selbstverständlich als gegeben vorausgesetzt werden, so gilt dies nicht für class. Die Annahme, dass Klassenlagen sozial begründet und nicht unveränderlich festgeschrieben sind, ist heute weitgehend unumstritten, obwohl mit Sarrazins Thesen solche Positionen wieder in den Mainstream einsickern.

Die bürgerlichen Revolutionen brachten die ständische Gesellschaft mit ihrer göttlichen Ordnung zum Einsturz. Erstmals galten alle Menschen als Individuen und wurden als frei und gleich verstanden (was nicht darüber hinwegtäuschen sollte, wer zu dieser Zeit als „vollwertiger“ Mensch galt und wer nicht). Dem voraus gingen Vergesellschaftungsprozesse, die eine spezifische Praxis zur Grundlage haben, nämlich die Produktion von Gebrauchswerten in Form von Waren, die als Äquivalente getauscht werden. Auch dieser Äquivalententausch, der den Kauf und Verkauf der Ware Arbeitskraft einschließt, setzt Freiheit und Gleichheit voraus, die formal im bürgerlichen Recht festgeschrieben sind. Unter dieser Bedingung gibt es keinen Gott mehr, der über irgendwelche Schicksale verfügt, und keine Ordnung, die alle auf ihre Plätze verweist. Die Menschen sind auf sich selbst verwiesen, Gesellschaft erscheint als die Summe der Individuen, jede gilt als ihres Glückes Schmiedin. Soziale Ungleicheit wird zum Ergebnis individueller Entscheidungen: Die Einen sind faul und nutzen ihre Chance nicht, von der Tellerwäscherin zum Millionär aufzusteigen; die anderen sind fleißig und innovativ und gehen genau diesen Weg. Nahezu alle bürgerlichen Gesellschaftstheorien reproduzieren diese Ideologie, von Adam Smith bis Ulrich Beck. Aufgabe eines kritischen Begriffs von Gesellschaft wäre dagegen, die strukturellen Hintergründe offenzulegen und zu hinterfragen.
Das Problem ist, dass „Wissenschaft“ und Hochschule selbst eine spezifische Funktion in der Reproduktion von Klassenverhältnissen zukommt.

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Lageplan

Jede Gesellschaftstheorie, die sich auf „Klasse“ bezieht, wird von vornherein unter den Verdacht gestellt, mit der Feststellung von Klassenverhältnissen a) einen Hauptwiderspruch aufzumachen und andere Widersprüche auszublenden, b) das Proletariat zum revolutionären Subjekt zu erheben und proletarische Handlungen per se positiv zu befinden. Beides lehnen wir rundherum ab. Geschichte ist die Geschichte einer Vielzahl von Kämpfen, die auf unterschiedliche Arten und Weisen in die Institutionen eingeschrieben sind, und die nicht auf ökonomische Stellungen zu reduzieren sind.
Und tatsächlich kann proletarisches Klassenhandeln reaktionäre Formen annehmen, die wir nicht teilen können. Es ist aber auch nicht unbedingt unser Bezugspunkt: Der liegt vielmehr bei hegemonialen Diskursen, die an der Hochschule wesentlich mitproduziert werden.

Mit der Gegenuni wollen wir einen Beitrag zur Kritik leisten und strukturelle Hintergründe offenlegen und hinterfragen. Wir setzen uns mit dem Begriff der Klasse auseinander und mit den Dimensionen, die im Vorangegangenen schon ersichtlich geworden sind. In der Vorbereitung der Gegenuni haben wir versucht, uns einigen dieser Dimensionen anzunähern. Unsere Auseinandersetzung bildete dabei keine strukturierte Analyse, sondern hatte eher assoziativen Charakter. Entsprechend erhebt auch das Programm nicht den Anspruch, alle Aspekte des Themas zu behandeln, sondern wir verstehen die Gegenuni als eine offene Plattform, die Zugänge schafft und Diskussionen anregt.

Komplettes Programm (*.pdf)

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